
Es begann damit, dass sich fünf Ärzte jeden Mittwochabend um 20:30 Uhr trafen, um über etwas Radikales zu diskutieren: die verborgenen Vorgänge im menschlichen Geist. Im November 1902 lud Sigmund Freud Wilhelm Stekel, Alfred Adler, Max Kahane und Rudolf Reitler in seine Wohnung ein – an den Ort, der zur Wiege der modernen Psychoanalyse werden sollte.
In einem Wohnhaus in der Berggasse im neunten Bezirk versammelten sich diese Ärzte jede Woche nach dem Abendessen, um Fallstudien vorzustellen und revolutionäre Theorien über Träume, Wünsche und das Unbewusste zu diskutieren. Die Gespräche waren sehr persönlich. Manchmal machten die Mitglieder Bekenntnisse über ihre eigene psychologische Entwicklung und legten ihren Kollegen ihre innersten Gedanken offen. Freud hörte aufmerksam zu und fasste nach jedem hitzigen Austausch die Ergebnisse zusammen.
Der Kreis wuchs schnell. Bis 1906 nahmen 17 Mitglieder an den Treffen teil. Otto Rank wurde beauftragt, die Beiträge einzuziehen und die immer komplexer werdenden Gespräche zu protokollieren. Was als informelles Beisammensein begann, verwandelte sich in strukturierte intellektuelle Austauschrunden, die alles in Frage stellten, was man über menschliches Verhalten glaubte.
Im Jahr 1908 wurde die Gruppe offiziell zur Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft, der ersten psychoanalytischen Organisation der Welt. In den folgenden drei Jahrzehnten schlossen sich 150 Mitglieder an, bevor die Nazis sie 1938 auflösten. Diese Mittwochabende schufen die Grundlage für eine weltweite Bewegung, die das Verständnis der Menschheit vom menschlichen Geist grundlegend veränderte.
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