
Europas älteste psychiatrische Klinik ist eine perfekt kreisförmige Festung, in der einst 139 Menschen hinter vergitterten Türen lebten – ein revolutionärer Wandel in der gesellschaftlichen Einstellung zu psychischen Erkrankungen im Jahr 1784.
Auf dem Gelände des ehemaligen Allgemeinen Krankenhauses, heute ein belebter Universitätscampus, wurde dieser fünfstöckige Turm vom Architekten Isidore Canevale unter Kaiser Joseph II. erbaut. Bevor dieses Gebäude existierte, wurden psychisch kranke Menschen in unterirdischen Verliesen und Kellern versteckt und eher als Ausgestoßene denn als pflegebedürftige Patienten behandelt.
Der Narrenturm wurde zur ersten Einrichtung auf dem europäischen Festland, die ausschließlich für die Unterbringung und Behandlung psychiatrischer Patienten konzipiert war. Seine einzigartige runde Struktur umfasste 28 Räume pro Etage, jeder mit Einzelzellen, die über Zentralheizung verfügten – ein für jene Zeit außergewöhnlicher Komfort. Starke Türen und Ketten sicherten die Insassen, was das begrenzte Verständnis der damaligen Zeit für die Behandlung psychischer Erkrankungen widerspiegelte.
Bis 1866 machten sich verändernde medizinische Praktiken die Festungsbauweise überflüssig, und die Anstalt wurde geschlossen. Kaiser Franz II. hatte bereits 1796 in der Nähe ein pathologisches Museum eingerichtet. Seit 1971 beherbergt der Turm die weltweit größte öffentliche Sammlung anatomischer Pathologie und bewahrt über 50.000 medizinische Präparate, die zwei Jahrhunderte der Krankheits- und Anatomieforschung dokumentieren.
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